Erstellt am 4. November 2026 von Norbert Mozes

Engel auf dem Parkplatz, von Norbert Mozes

Die christliche Existenz steht damit stets in der Spannung zwischen der göttlichen Gegenwart und der menschlichen Begrenztheit, die die Gegenwart Gottes immer nur zeichenhaft ausdrücken kann. Die Gegenwart Gottes lässt sich nie ganz in die geschöpfliche Wirklichkeit übersetzen, aber drückt sich doch in dieser aus.

                -Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis, Nr. 10

Nah ist

Und schwer zu fassen der Gott. 

                -Friedrich Hölderlin, Patmos

Es hatte den ganzen Nachmittag geregnet, die Stimmung war bedrückend, dunkel in der Stadt, und nun, am frühen Abend, hing die Nässe noch in der Luft wie ein Gedanke, den niemand so richtig zu Ende gedacht hatte. Auf einem Parkplatz waren die Lampen angegangen. Sie gaben ein gelbes, müdes Licht, das über alles dieselbe Farbe legte, über Autodächer, Büsche und Pfützen.

Ein alter Mann saß in einem Rollstuhl. Über seinen Knien lag eine karierte Decke, die Wollmütze hatte er sich tief in die Stirn gezogen, und zwischen zwei zitternden Fingern hielt er eine Zigarette, die er trotz des Zitterns mit der Ruhe eines Menschen rauchte, dem niemand mehr die Zeit stiehlt. Er wartete auf nichts so wirklich. Wer wartet, sieht zur Tür, zur Uhr oder zum Handy. Er sah auf eine Plastiktüte.

Der Wind hatte sie irgendwoher mitgebracht, eine weiße Tüte mit einem halb verblassten Aufdruck. Er blähte sie auf, und für einen Augenblick schien es fast so, als wäre sie etwas Lebendiges, ein Atmen, ein kleiner Herzschlag. Dann ließ er sie fallen, und sie rutschte ein Stück über den nassen Boden und blieb liegen, bisschen so, als hätte sie den Kampf aufgegeben. Doch jedes Mal, wenn sie sich wieder erhob, ging im Gesicht des Alten etwas kaum Sichtbares auf, ein Heben der Brauen, ein Zug um den Mund. Sowas sieht man meistens bei jemandem, der einem kleinen Kind beim Laufenlernen zusieht.

Dann kam ein Mann von der Stadtreinigung. Er kam von der anderen Seite des Platzes, die orange Weste im gelben Licht von einer merkwürdig stumpfen Farbe, die Greifzange in der Rechten, wie einen verlängerten Arm. Wie ein Ritter und sein Schwert. Mitte vierzig, breit in den Schultern, im Rücken schon ein wenig gebeugt. Er ging wie jemand, der sich an diesem Tag wahrscheinlich nicht langweilen musste, weil es an Arbeit nicht fehlte. Zwanzig Jahre ging das so, zwanzig Jahre mit einem Blick nach unten, und was er dort fand, musste weg. Das war sein Beruf, und auf seine Art war er auch stolz darauf, dass die Stadt am Morgen sauber aussah und niemand fragte, warum oder wie. Er sah die Tüte, dann den Alten und streckte die Zange aus.

„Geben Sie ihr noch einen Moment“, sagte der Alte. Er sagte es leise, ohne Vorwurf, und auch ohne den Blick von der Tüte zu nehmen, als spräche er mit ihr.

Der Mann hielt äußerst verwirrt inne, die Zange blieb in der Luft stehen. Unter anderem weil es schon ohnehin lange her war, dass ihm jemand bei der Arbeit etwas gesagt hatte, das auch noch keine Beschwerde war.

„Das ist Müll“, sagte er schließlich, mit großer Konkretheit, nur um die Dinge beim Namen zu nennen.

„Ja“, sagte der Alte. „Was Sie nicht sagen. Ich sehe das auch. Noch.“ Er nickte. Dann sagte er, leise, mehr zu sich selbst als zu dem Mann: „Wissen Sie, das Wesentliche bleibt. Das Äußere verändert sich ständig.“

„Meinen Sie die Tüte?“

„Auch“, sagte der Alte.

Der Mann lehnte die Zange gegen das Gitter. Er hätte nicht sagen können, warum er das tat und was mit ihm los sei. So standen sie eine Weile nebeneinander, der eine sitzend, der andere stehend, und sahen beide dorthin, wohin der Wind die Tüte schickte.

„Was gibt es da zu sehen?“, fragte der Mann.

Der Alte, um noch dramatischer zu wirken, ließ sich Zeit mit der Antwort. Die Glut seiner Zigarette wurde heller und wieder dunkler, dann wieder heller und wieder dunkler. „Nichts Besonderes eigentlich. Die wichtigsten Dinge muss man ganz einfach verstehen können, sonst taugen sie nichts. Den Wind sieht man ja auch nicht. Nur das, was er bewegt.“ Er klopfte die Asche ab. „Und ich finde Ihn, wenn ich nach unten schaue. Im Rollstuhl hat man, wie Sie sich denken können, ohnehin viel Boden vor Augen.“

Etwas in dem Mann, das seit Jahren auf dem Weg zum nächsten aufzusammelnden Müll gewesen war, blieb stehen.

Dann packte der Wind die Tüte ein bisschen stärker. Er hob sie über das Geländer, aus dem gelben Licht hinaus in die Dunkelheit hinter dem Parkplatz, und sie war weg. Keiner der beiden ging ihr nach. Der Mann nahm seine Zange wieder auf und sagte: „Schönen Abend noch.“

„Ihnen auch.“

Er ging weiter, zur nächsten Lampe, unter der ein plattgefahrener Pappbecher lag, und blieb davor stehen. Er sah ihn länger an. Hinter ihm sah der Alte ihm nach. In seinem Gesicht ging etwas auf.