Erstellt am 21. Oktober 2026 von Jan Deffner

„Ratio nationalis 2026“ – Relecture durch Seminaristen

Warum eigentlich Priester und wie „wird“ man dazu? Nicht zuletzt der Synodale Weg stellte genau jene Anfragen und sie sind darüber hinaus sicherlich auch generell in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten verbreitet. Einerseits bestehen die Anfragen an das sakramentale Amt an sich, welches keinesfalls mehr hinlänglich verstanden wird, andererseits auch an die Ausbildungsformate, welche sich gerade im Zuge des Missbrauchsskandals mit einigen Vorwürfen konfrontiert sahen. Selbstverständlich beschäftigen diese Themen auch uns Seminaristen, auf verschiedenen Ebenen. Einerseits stellen wir uns dieselben Fragen in unserem eigenen Ausbildungskontext und sie werden auch nicht selten von außen an uns herangetragen. Tag ein, Tag aus hören wir: „Warum willst du Priester werden? Wie geht das überhaupt? Und was macht die Kirche gegen den Missbrauch?“

Um diese Fragen zu beantworten gibt es eine entsprechende Ordnung mit weltkirchlicher Tragweite, die sogenannte „Ratio Fundamentalis Institutionis Sacerdotalis“ aus dem Jahr 2016, welche allerdings auch nur bestimmte Grundlagen und Richtungen bestimmen kann, da sich die Anforderungen an die Priesterausbildung über den Erdkreis hinweg natürlich stark unterscheiden. Um diese zu konkretisieren und an die Gegebenheiten in Deutschland anzupassen hat die Deutsche Bischofskonferenz eine „Ratio Nationalis Institutionis Sacerdotalis“ herausgegeben. Die letzten Jahre hat eine Arbeitsgruppe rund um deutsche Regenten und Bischöfe daran gearbeitet, diese zu formulieren, vergangenen März wurde sie dann veröffentlicht, nachdem sie durch die Kleruskongregation approbiert wurde.

Da diese neue „Rahmenordnung für die Priesterbildung“ uns Seminaristen ganz konkret betrifft haben wir beschlossen, sie nicht nur in den Schrank zu stellen, sondern auch zu thematisieren. Im folgenden Jahr werden wir uns mit der neuen „Ratio“ auseinandersetzen und auch unsere Gedanken dazu teilen. Wir werden immer wieder Artikel veröffentlichen, die sich der „Ratio“ auf verschiedene Weise nähern und unterschiedliche Traktate behandeln.

Bevor man sich aber einzelnen Abschnitten zuwendet, lohnt es sich zunächst, einen Blick auf den generellen Aufbau zu werfen. Die „Ratio“ ist in sieben Teile untergliedert. Der erste klärt Kontexte, also genau die oben gestellte Frage, warum es überhaupt Priester braucht, aber auch was die heutigen Umstände sind, in welchen Priestertum und die dazugehörige Ausbildung sowie geistliche Formation stattfindet. Auch das Thema Missbrauch hat hier ein eigenes Kapitel. Daran anschließend folgt der zweite Teil, welcher sich mit dem Thema Berufung beschäftigt, was sie ist und wie man sie unterscheidet. Der dritte Teil schließt daran an und konkretisiert Jüngerschaft und verschiedene Dimensionen der Reifung, welche für den Weg von Bedeutung sind. Ab dem vierten Teil wird es praktischer, und es geht nun primär um die Ausbildung an sich. Zunächst werden die Ziele und das Geschehen der Ausbildung erläutert, dann die beteiligten Personen und Orte. Der fünfte Teil untergliedert die Ausbildung dann in die jeweiligen Phasen und klärt deren Charakteristika und Ziele, der sechste erläutert das akademische Studium. Zuletzt werden im siebten Teil noch besondere Aspekte und Szenarien rund um die Zu- und Entlassung dargelegt.

Da wir uns in den folgenden Artikeln über das Jahr hinweg mit einzelnen Abschnitten beschäftigen möchte ich zu Beginn noch einige Punkte erwähnen, die sich auf den Gesamttext beziehen. Was der neuen „Ratio“ ganz offensichtlich sehr gut gelingt, ist der Bezug der „Ratio Fundamentalis“ auf die aktuellen Realitäten der Zeit und des Landes, was freilich auch ihr Hauptziel ist. Allerdings hinterlässt sie bei uns Seminaristen auch einige Fragezeichen.

Instinktiv würde man davon ausgehen, dass die „Ratio Nationalis“, welche zwischen der „Ratio Fundamentalis“ und den einzelnen Haus- und Ausbildungsordnungen steht, letztere auch beeinflusst und eine gewisse Vergleichbarkeit der Priesterausbildung im deutschen Raum schafft. Dies ist aber nicht merklich der Fall. Im Austausch mit Seminaristen verschiedener Diözesen bemerkt man, dass sich die Ausbildung noch immer, teils in ihren Grundfesten, stark unterscheidet. Auch die Frage nach der Verbindlichkeit dieser neuen „Rahmenordnung“ bleibt bestehen. Zudem stelle ich mir persönlich die Frage, welches „Bild“ eines Seminaristen dem Text zugrunde liegt. Beispielsweise formuliert der Punkt 146: „Es ist sinnvoll, die Kandidaten durch Exkursionen, Besuche, Wallfahrten, Begegnungen sowie thematische Einheiten mit der spezifischen Wirklichkeit der jeweiligen Teilkirche und der gegenwärtigen Gesellschaft vertrauter zu machen.“ Dieser und andere Punkte lesen sich, als ob der Seminarist an sich ein weltfremder Exot sei. Wenngleich das im Einzelfall vorkommen mag, scheint mir eine generelle Unterstellung doch ein wenig überzogen.

Abschließend ist es mir wichtig zu betonen, dass es sich meines Erachtens nach trotz aller Kritik um einen sehr ergiebigen Text handelt, welcher viel zu sagen hat und dessen Lektüre sehr lohnenswert ist. Nicht nur für die Verantwortlichen in der Priesterausbildung, sondern auch für uns Seminaristen und jeden, der sich die eingangs genannten Fragen stellt. Außerdem kann ich für unsere Hausgemeinschaft sprechen, wenn ich sage, dass uns die neue „Ratio Nationalis“ dazu angeregt hat, das Thema Berufung weiter zu vertiefen und wir hoffen, Sie an diesem Prozess im folgenden Ausbildungsjahr ein wenig teilhaben lassen zu können.