Beten im Kontext des Heiligen Vaters
Die Mutter Kirche betont seit jeher die Notwendigkeit des Gebetes. So erscheint die Konsequenz, dass das Gebet alle Facetten menschlichen Seins aufgreift, ebenso simpel wie nachvollziehbar.
Papst Franziskus war es, der vielfach das Kirchenvolk mit der Bitte ansuchte: Betet für mich, ich bete für euch.
So darf ein jeder Gläubige dankbaren Herzens der Bitte des nun verstorbenen Heiligen Vaters Folge leisten und sein Bewusstsein dahingehend schärfen, dass die Liebe zur Kirche unter dem Nachfolger Petri nach Gebet für ebendiesen ruft.
Die Liturgie leuchtet hier in lebendigem Beispiel voran, indem sie nicht nur in alter Tradition zu hohen Festen dem Heiligen Vater die erste Fürbitte widmet, sondern ebenjenen gar in allen Formen des Hochgebets des römischen Messbuchs beständig mitträgt.
Doch darf der Versuch unternommen werden, ebendieses Beten für den Heiligen Vater noch tiefer zu durchdringen. Es mag provokant erscheinen, dies nicht mit den Werkzeugen der Dogmatik zu tun, noch provokanter mit den der Lyrik eines protestantischen Dichters. Das Gedicht des romantischen deutschen Schriftstellers Max Von Schenkendorf „Gebet bei der Gefangenschaft des Papstes“ lädt zur meditatio ein. Es entstand nach der Verhaftung des Ehrwürdigen Diener Gottes, Papst Pius´ VII. ,1809 und der Annexion des Kirchenstaates.
Thränen rufen dich und Lieder,
König, sende Hilfe nieder,
Gib ihr ihren Hirten wieder.
Wollest den Gefang′nen stärken,
Bei des heil′gen Amtes Werken –
Deine Hilf′ ihn lassen merken.
(Auszug)
Es zeigt sich, dass sich das Gebet stark aus Emotionen speist. So geht der oratio ein inniges Verlangen voraus. Auch heute gilt es, diese vermeintliche Schwachheit des Zeigens von Gefühlregungen zuzulassen und sie vor Gott hinzutragen. Dies bedarf weniger Worten als offener Herzen. Der den Papst (und so die Kirche) liebende Gläubige darf sich von seinen Gefühlsregungen im rechten Umfang ergreifen lassen
Doch muss die eigene Begrenztheit bekannt, die Allmacht Gottes hingegen anerkannt werden. Auch in den Wirren unserer Zeit offenbart ist, dass es nicht unsere, sondern Gottes Hand ist, die zu helfen fähig ist.
Von hoher Notwendigkeit ist es, den Heiligen Vater in seinem Wirken zu (unter-)stützen. Wenn die triumphierende Kirche fürsprechend arbeitet, wie kann sich die streitende Kirche ausruhen?
Auch der Heilige Apostel Jakobus schreibt: „Darum bekennt einander also eure Sünden und betet für einander“ (Jak 5,16).
Wenn gar einen Protestanten wie Von Schenkendorf Sorge um den Heiligen Vater ereilt und ihn so zum Gebet drängt, wie viel mehr sollte der Papst dann nicht den Katholiken ein Gebet wert sein, selbst dann, wenn er sich gegenwärtig nicht in Gefangenschaft befindet?
Das Gebet für den Oberhirten kann so ganz praktischer Ausdruck einer gelebten „participatio actuosa“ sein, die über die Grenzen des liturgischen Geschehens hinauszugehen weiß. Ganz im Geiste von „Lumen gentium“ ist so das Kirchenvolk nicht als Objekt des (höheren) Klerus zu sehen, sondern als aktiv partizipierende Glieder der „pilgernden Gemeinschaft der Kirche“.
So zeigt es sich, dass Beten im Kontext des Papstes mehr bedeutet als das „juridische“ um des Ablasses willen zu erledigende Gebet in der Meinung des Heiligen Vaters (Enchiridion Indulgentiarum), wie man weitläufig meinen könnte.
Es ist ein vielschichtiges Unterfangen, dass Vernunft und Emotion umfasst, das Subjekt-Objekt ebenso wie Individuum-Kollektivbeziehungen wechselseitig durchdringt. Das Gebet für den Heiligen Vater bleibt im gleichen Zuge aber doch stets ein natürliches der Rechtgläubigkeit innewohnendes Verlangen des Kirchenvolkes.