Erstellt am 1. Januar 2026 von Bernhard Kühn

Mit Josef Ratzinger die Zukunft ankommen lassen

Auf welche Art und Weise haben wir am vergangenen Silvestertag auf das anbrechende Jahr geblickt? Jahr für Jahr sagt der „Mensch von heute“ Ja zu einem Narrativ, das ganz volkstümlich besagt, nun werde alles besser und das sogenannte „Schlechte“ verbleibe im zurückliegenden Kalenderjahr. Ja, Jahr für Jahr enttarnt sich dieser säkulare Neujahrsoptimismus stets früher als später als Unwahrheit.

Fast naiv mag es erscheinen, zu meinen, ein neuer Jahresanfang brächte einen neuen Menschen.

Schon Joseph Ratzinger erkannte im Jahre 1978 diese Problematik eines falschen Umgangs mit der vor uns liegenden Zeit im Allgemeinen. Der Irrtum läge in dem damals neuen Phänomen, dass der Mensch behaupte, er könne die Zukunft produzieren (vgl. J. Ratzinger, Silvesterpredigt 1978 München). Das Kind ist erwachsen geworden; aus einem gewiss schon noch früher existenten Phänomen ist eine zeitgeistige Maxime entstanden.

Unumstößlich gilt jedoch, dass „unsere“ Zeit in Gottes Händen steht, wie es schon König David in Psalm 31 feststellt. Geduldig gilt es folglich, das Anbrechen des Kommenden zu erwarten. Ein jeder Versuch, seine Zukunft durch und durch selber zu „produzieren“, geht notwendigerweise damit einher, dass der Mensch sich als allmächtig erklärt.

In festem Glaubensmut vertrauensvoll anzuerkennen, dass der eigene Lebensweg tief in Gottesplan – nicht dem unseren– geborgen ist, schützt gegen menschliche Allmachtsfantasien der Gegenwart. Diese sich in Taten bezeugende Demut im Umgang mit der Zukunft wird so zur geistlichen Prophylaxe gegenüber jedweden Ideologien, die das Individuum, einzelne Volksteile oder den Staat als solchen zum „Übermenschen“ zu erheben zu suchen (=Megalomanie).

Es gilt jedoch, der Versuchung des Fatalismus zu widerstehen, passiv im Hinblick auf das eigene Schicksal (lt. fatum) wie das der Gemeinschaft zu agieren. Es besteht die Notwendigkeit, aktiv kooperativ am eigenen fatum mitzuwirken, sodass die Zukunft das ewige Seelenheil werde.

„Qui creavit te sine te, non salvabit te sine te“ – „Welcher dich ohne dich geschaffen hat, wird dich nicht ohne dich retten“, so der heilige Augustinus.

Dieser Auftrag, Mitarbeiter Gottes zu sein, darf besonders am Jahresbeginn als Anleitung dienen, die Zukunft im Allgemeinen, das neue Jahr im Konkreten, bewusst in rechtgläubiger Weise ankommen zu lassen.

Zukunft ist so immer auf die Gegenwart bezogen; sie bricht immer im Jetzt an. Daher sollten Stunden wie Jahreszählungen nicht der ausschlaggebende Punkt zur Umkehr zum Guten sein. Nein, jener ist uns bereits in Christus selbst gegeben. Christus ist so das wahre Datum (von lat. dare – geben), als der von Gott für uns Gegebene.

Heute, am dritten Todestag Benedikts XVI., dieses „überdurchschnittlichen Theologen und vor allem weisen Pontifex mit einer bescheiden-demütigen Menschlichkeit und mit einem tiefen Glauben“ (Kurt Kardinal Koch), dürfen wir mit Freude und geschärfter Wachsamkeit die Zukunft ankommen lassen. Wir dürfen in der anbrechenden Zeit als Mitarbeiter, nicht als Produzenten oder gar Chefs der Wahrheit, in Christus leben.

Wahre Freude und Hoffnung in ihm schenkt Anlass zum Optimismus, nicht jedoch die binnenweltliche Illusion eines Neujahrsoptimismus, der sich lediglich aus einem kalendarischen Datum speisen kann.

So wird die heute anbrechende Zukunft zu einem Schritt auf die Ewigkeit in Gott hin, in die Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., uns bereits in leuchtendem Beispiel vorausgegangen ist.