Jugendpastoral: Don Bosco als Vorbild
In weniger als einem Monat werden alle Seminaristen im ersten Studienjahr sowie einige, die sich derzeit noch im Propädeutikum befinden, ihr Gemeindeseelsorgepraktikum in verschiedenen Pfarrverbänden unserer Erzdiözese beginnen. Dies bietet unseren Seminaristen die Möglichkeit, sich mit den vielfältigen Aufgaben und pastoralen Situationen der seelsorglichen Realität eines Pfarrers vertraut zu machen.
Die Praktikanten werden den für den Pfarrverband zuständigen Geistlichen in all seinen Tätigkeiten begleiten — vom Ministrieren beim täglichen Messopfer bis hin zur Teilnahme an Personal- und Dienstgesprächen; die meisten Praktikanten werden auch im Pfarrhaus wohnen. Somit wird die gesamte Bandbreite von rein geistlichen bis zu administrativen Aufgaben abgedeckt.
Insbesondere wird der Fokus auf die Arbeit mit Jugendlichen gelegt. Viele Pfarreien unseres Bistums verfügen nämlich über sehr gut besetzte Ministrantengruppen, die sich engagiert an der Gestaltung der Gottesdienste sowie allgemein am Leben der Pfarrgemeinde beteiligen. Dies ist ein Schatz, der keineswegs selbstverständlich ist und für den wir weiterhin dankbar sein müssen — und den wir immer noch unterstützen sollten.
Im Praktikumsprogramm unserer Seminaristen ist festgelegt, dass jeder von ihnen sich mit der kirchlichen Jugendarbeit vertraut machen soll. Das mag zunächst etwas formal klingen, doch dass sich das pastorale und seelsorgliche Wirken der katholischen Kirche systematisch den Jugendlichen widmet, darf nicht als Selbstverständlichkeit betrachtet werden.
Die sogenannte „Jugendpastoral“, insbesondere im Bereich der Bildung und schulischen Erziehung, erlebte einen enormen Aufschwung, als das gesellschaftliche Gefüge der europäischen Länder durch die technischen Fortschritte der industriellen Revolution tief erschüttert wurde und zahllose Kinder, in den großen Städten als Fabrikarbeiter eingesetzt wurden.
Genau von solchen Jugendlichen, die in der Regel ihre Familien auf dem Land verlassen mussten, um in der Stadt Arbeit zu finden, waren die Straßen der Turiner Peripherie in Italien zu Beginn des 19. Jahrhunderts geprägt. Nicht wenige von ihnen gerieten in kriminelle Kreise oder zogen es vor, ihre Zeit auf der Straße als Bettler zu vagabundieren, statt unter miserablen Arbeitsbedingungen ausgebeutet zu werden. Sie standen nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern auch außerhalb des kirchlichen Lebens, und kaum ein Geistlicher hatte den Mut, sich diesen Jugendlichen zu nähern.
Einer dieser mutigen Priester war der berühmte heilige Giovanni Bosco (1815-1888). Er stammte aus einer äußerst armen Familie im piemontesischen Land. Ursprünglich wollte er Franziskaner werden, doch letztlich sorgte die göttliche Vorsehung für die Finanzierung seiner priesterlichen Ausbildung im Landpriesterseminar der Erzdiözese Turin. Er besaß ein außergewöhnliches Talent im Umgang mit Jugendlichen: Ihm gelang mit einer einzigartigen Spontaneität, sie anzusprechen, zu verstehen und sie vor allem auf ihrem geistlichen wie auch beruflichen Weg zu unterstützen und zu begleiten.
Mit äußerst begrenzten finanziellen Mitteln gründete er am Rand der Stadt ein Oratorium — das heute berühmte Valdocco — und ging persönlich von Straße zu Straße, um diesen verlorenen Kindern Gottes zu begegnen und ihnen eine Unterkunft anzubieten. Zunächst eine geistliche Unterkunft: durch die Spendung der Sakramente, das tägliche Feiern des Messopfers und persönliche Gespräche. Schon zu Beginn seines seelsorgerischen Wirkens war Don Boscos größte Sorge, diese Jugendlichen dauerhaft aus einem Leben auf der Straße zu retten und ihnen alternative Zukunftsaussichten zu eröffnen. Aus diesen Gedanken heraus — getragen von unablässigem Gebet, zahllosen Versuchen, großen Enttäuschungen und vielem Leiden — gelangte Don Bosco zu einer genialen und wahrhaft revolutionären Idee, die bis heute die Konzeption moderner Ausbildungssysteme, auch hier in Deutschland, nachhaltig geprägt hat.
Don Bosco wollte diesen jungen Männern vor allem zeigen, welche unendliche Würde ihr Leben vor den Augen Gottes besitzt. Zugleich musste er jedoch erkennen, dass die biografischen Hintergründe und die grausamen Lebensbedingungen, an die sich diese Jugendlichen hatten gewöhnen müssen, ein fast unüberwindbares Hindernis auf dem Weg zu dieser befreienden Erkenntnis darstellten. Deshalb versuchte Don Bosco, ihnen durch etwas ganz Konkretes — etwa das Erlernen eines qualifizierten Berufs — einen kleinen, aber äußerst kostbaren Vorgeschmack ihrer Würde erfahrbar zu machen. Ganz konsequent organisierte Don Bosco in seinem Oratorium verschiedene Werkstätten, wo seine jungen Gäste in einer familiären und christlichen Umgebung die Kompetenzen einer beruflichen Tätigkeit erwerben konnten. Darin liegt der Kern des Charismas der salesianischen Familie, das bis heute wirksam ist und tausenden jungen Menschen in allen Teilen der Welt bessere Perspektiven für ihre Zukunft eröffnet.
Diesen Blick Don Boscos für seine Kinder — einen Blick, der Herzen öffnet, dem Leben erneut und Würde und Hoffnung schenkt — wünschen wir all unseren Seminaristen, die in ihren Einsatzpfarreien vielen Jugendlichen begegnen werden, damit sie niemals vergessen, dass Gott jeden von uns zu einer vollkommenen Existenz in seiner Liebe beruft.