Erstellt am 26. März 2026 von Johannes Alto Richter

„Eli, Eli, lema sabachtani?“ – Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Wenn wir am kommenden Palmsonntag die Matthäuspassion hören, wirkt diese wie ein Trailer für die bevorstehenden Festgeheimnisse der Karwoche. Ein Trailer der uns einlädt, bewusst mit den Ereignissen rund um die Kreuzigung Jesus auseinanderzusetzen. Hierbei ist mir in diesem Jahr besonders sein Satz im Gedächtnis geblieben:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Ps 22,2)

Eine Frage in der sich die ganze in der Passion geschildete Gefühlslage eindrücklich verdichtet: ein Auf und Ab zwischen Hoffnung und Angst, Erwartung und Leiden, Nähe und Verlassenheit. Zugleich ist es ein Satz, an dem man Anstoß nehmen kann. Ist es etwa möglich, dass Jesus am Ende doch zusammengebrochen ist?

Eine solche These mag, wenn man das Geschehen rein historisch betrachtet, zunächst plausibel erscheinen. Doch Bibellektüre ist immer mehr als bloße historische Rekonstruktion. Sie ist ein Ausbalancieren zwischen historischer Einordnung und Kerygma.

Denn das „Mein Gott, mein Gott“ ist nicht einfach nur ein verzweifelter Aufschrei, der kontextlos im Raum stehen darf. Er ist auch der Beginn von Psalm 22. Es ist dabei anzunehmen, dass Jesus nicht nur die Anfangsworte gesprochen hat, sondern den ganzen Psalm betete. Und demnach auch die ganze innere Bewegung des Gebets mitmachte. Wie es im Rahmen des privat gestalteten Gottesdienstes im Tempel zur damaligen Zeit üblich war bringt der Beter zuerst vor Gott seine Not, um ihn anschließend für die erfahrenen Rettung zu danken.

So gelesen, ist Jesu Ruf am Kreuz nicht Ausdruck endgültiger Gottverlassenheit, sondern eingebettet in ein Gebet, das auf Hoffnung und Rettung hinausläuft.

Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird. Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan. (Ps 22,31-32)

Noch deutlicher wird dieser Gedanke beim Lesen der Parallelstelle im Markusevangelium. Dort sind die oben zitierten Psalmworte die letzten Worte Jesu vor seinem Tod. Was liegt da näher, als auch einen Blick auf die ersten Worte Jesu bei Markus zu werfen? Sie lauten:

„Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.“ (Mk 1,15)

So spannt sich am Kreuz ein Bogen: von der Verkündigung der Nähe Gottes bis hinein in die tiefste Erfahrung menschlicher Verlassenheit. Und gerade dort im Dunkel bleibt diese Nähe Gottes bestehen, auch wenn sie für uns vielleicht nicht mehr wahrnehmbar ist.