Erstellt am 24. Juni 2026 von Regens Dr. Wolfgang Lehner

Diener der Seminaristen – Gedanken zum Johannestag

Johannes der Täufer ist ein etwas borstiger Patron für ein Priesterseminar; die lukanische Erzählung von den Umständen seiner Geburt spricht sicherlich eher den Geist an als das Gemüt. Die Freude der Nachbarn mit Elisabeth darüber, dass sie noch so spät ein Kind bekommen hat, weicht angesichts der dramatischen Umstände der Namensgebung aber rasch der Furcht. „Was wird wohl aus diesem Kind werden?“ (Joh 1,66) So fragen sich nicht nur die Nachbarn – so kann sich unter anderen Vorzeichen und mit einem Blick in den Spiegel auch jeder fragen, der in einem Priesterseminar den Weg der Unterscheidung geht.

So ist Johannes der Täufer bei aller kühlen Brise, die ihn umweht, doch ein sehr passender Seminarpatron. Wenig empathisch, zugegeben; aber mit den richtigen Impulsen im Gepäck.

„Ich bin nicht der, für den ihr mich haltet“ (Apg 13,25), ruft der Täufer dem Volk entgegen. Johannes stellt sich nicht in den Mittelpunkt, sucht nicht die große Bühne, ist frei von allen egomanischen Anwandlungen. Man muss ihn in der Wüste suchen. Narzisstische Verhaltensweisen sind dem klerikalen Stand nicht per se fremd; Aufmerksamkeit ist auch eine Währung, in der sich Priester und Bischöfe gerne bezahlen lassen. Johannes weist den umgekehrten Weg: „Schaut nicht auf mich, sondern auf den, der da kommen wird.“

Das Lukasevangelium macht nach der Geburt einen großen Zeitsprung und stellt vom erwachsenen Täufer fest: „Johannes lebte in der Wüste“ (Lk 1,80). Die Wüste ist der Ort der Distanz, nicht nur zum herrschaftlichen Jerusalem, sondern auch zu sich selbst. In der Wüste begegnet Johannes seinen Anfechtungen, aber auch seiner Berufung durch den unerbittlichen Gott. Alle, die zu ihm kommen, ruft er wiederum in die Distanz zu ihrem eigenen Lebensstil. Wirkliche Berufung braucht immer wieder den Abstand zu den eigenen Vorstellungen, den zweiten Blick und die kritische Überprüfung. Sonst verwechseln wir unsere eigenen Lieblingsideen mit der ganzen Wirklichkeit.

In der Distanz der Wüste vollzieht sich schließlich der „Auftrag für Israel“, den Johannes erhält: Er soll Klarheit in der Entscheidung für Gott schaffen. Die Sprache des Johannes ist frei von allen frommen Floskeln. Seine Predigt ist barsch, die Botschaft eindeutig. Die Menschen brauchen diese direkte Ansprache, um in die Entscheidung zu kommen, ihr Leben zu verändern. Aufgabe eines Priesterseminars ist, die Kandidaten zu einer klaren Entscheidung für die Nachfolge Jesu im priesterlichen Dienst zu führen. Dies ist nicht immer im Modus des Wohlfühlens möglich, sondern braucht auch Reibung und Provokation, um Gedanken und Motivationen zu schärfen. Nicht unbedingt angenehm, aber notwendig.

So erweist sich der sperrige Vorläufer Johannes in seiner Herbheit als Diener der Seminaristen: Er hilft ihnen, den Blick vom eigenen Ich zum Herrn hin zu lenken; er hilft ihnen, die eigenen Motive und Ziele kritisch zu überprüfen. Und er hilft ihnen, zu einer klaren Lebensentscheidung zu kommen. So gesehen bedeutet das: Einen geeigneteren Seminarpatron können wir uns gar nicht wünschen.