Herr, öffne meine Lippen – Ein persönlicher und theologischer Blick auf das Stundengebet
Jetzt im Winter ist es draußen noch dunkel, doch im Seminar geht nach und nach ein Licht nach dem anderen an. Auch bei mir klingelt kurz nach sechs Uhr der Wecker, und kurze Zeit später sitze ich in unserer Seminarkirche. „Herr, öffne meine Lippen“, so beginnt jeder Morgen. „Damit mein Mund dein Lob verkünde“, antworten die anderen. Noch bevor der Tag seine Anforderungen stellt, loben und danken wir zusammen in den Laudes Gott. Bereits die frühen Christen begannen am Morgen beim Aufgang der Sonne den Tag mit Gebet und dem Gedächtnis der Auferstehung: „das aufstrahlende Licht aus der Höhe“, wie es im Benedictus der Laudes heißt.
Diese Gebetszeiten strukturieren unseren Tag. Zur Mitte des Tages, um zwölf Uhr, kehren wir erneut in die Kirche zurück. Manchmal komme ich direkt aus der Vorlesung, an anderen Tagen vom Einkaufen oder Lernen. Ich halte einen Moment inne, lasse den hektischen Alltag für kurze Zeit hinter mir, atme durch und richte mich neu auf Gott hin aus.
Nach einem vollen Tag kommen wir schließlich um 18 Uhr abermals in der Seminarkirche zusammen. Viele To-Dos sind bereits abgearbeitet, bei dem ein oder anderen steht vielleicht aber noch eine Spätschicht an. Gemeinsam blicken wir auf den Tag zurück: Was ist heute gelungen? Was könnte ich morgen besser machen? Wofür bin ich Gott dankbar?
Nicht nur wir in der Georgenstraße tun dies. Weltweit öffnen zu denselben Zeiten Gläubige ihre Stundenbücher: Seminaristen, Priester, Ordensgemeinschaften, pastorale Mitarbeitende und viele andere. Das Stundengebet ist ein Gebet der ganzen Kirche, über Orte, Zeitzonen und Lebensformen hinweg.
Seinen Ursprung hat das Stundengebet bereits bei den frühen Christen. Damals begannen sie am Morgen mit dem Aufgang der Sonne und den Abend beim Entzünden der Kerzen mit Gebeten, Gott zu danken und ihn zu loben: der Tag beginnt nicht einfach, sondern wird uns mit all seinen Möglichkeiten von Gott geschenkt. Am Abend verabschieden wir nicht nur den vergangenen Tag, sondern denken in Lob und Dank an Christus.
Aus diesen beiden Gebetszeiten entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte der ganze Kreis des „Officium divinum“, der durch Psalmen, Lesungen und Hymnen bereichert wurde. Wir beten auch heute noch beim Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, wie es die frühen Christen getan haben. So sind wir nicht nur mit allen Christen verbunden, die heute beten, sondern auch mit allen, die vor uns zu diesen Zeiten Gott gelobt und gedankt haben, bis hin zu Christus selbst.
Die Bibel berichtet immer wieder von Situationen, in denen Jesus betet: bei der Offenbarung seiner Sendung durch den Vater, vor der Berufung der Apostel, beim Lobpreis vor der Brotvermehrung, bei der Verklärung, bei der Heilung des Taubstummen und schließlich beim letzten Abendmahl, in Todesangst und sogar am Kreuz. So führt die Kirche dieses Gebet fort. Angefangen mit dem von Jesus selbst gelehrten Vaterunser über die lobpreisenden und dankenden Gebete der Apostelbriefe bis in die heutige Zeit hat die Kirche nie aufgehört zu beten, getreu dem Auftrag „Ihr sollt allezeit beten und darin nicht nachlassen.“ (Lk 18,1).
Hier lässt sich der Kern des christlichen Gebets finden: „[…] die Teilhabe an der Liebe des Eingeborenen zu seinem Vater und an seinem Gebet, das während seines Erdenlebens in seinen Worten zum Ausdruck kam und das jetzt auch im Namen und zum Heil der ganzen Menschheit in der Kirche und in allen ihren Gliedern unablässig fortdauert.“ (Allgemeine Einführung in das Stundengebet, 7)
Die Feier des Heilsmysteriums bleibt damit nicht auf die Eucharistie beschränkt, sondern durchdringt unseren ganzen Tag und schließlich unser gesamtes Leben. Umgekehrt führt uns das unerlässliche Gedenken dieses Mysteriums immer wieder hin zur Feier der Eucharistie und somit auch immer wieder zu Christus.
Die festen Gebetszeiten setzen Ankerpunkte: Sie unterbrechen Routinen, schaffen kurze, bewusste Räume der Orientierung. Man merkt, wie sich das eigene Denken sortiert, wie Prioritäten klarer werden und wie der Blick für Wesentliches geschärft wird.
Natürlich gelingt das nicht immer. Manchmal fließt es einfach vorbei, wann anders fühlen sich einfach wie ein weiterer Termin an. Aber gerade diese Erfahrung macht das Stundengebet realistisch: Es romantisiert den Glauben nicht, sondern trifft ihn im echten Leben: zwischen Vorlesung, Einkäufen, Müdigkeit und unvollendeten Aufgaben.
Über die Zeit entsteht daraus eine tragende innere Haltung, welche durch diese Routine eingeübt wird. Die Psalmen, die immer wiederkehrenden Texte, das gemeinsame Sprechen, all das schafft eine Linie, die durch den Tag führt und ihm Struktur gibt. Sie erinnert daran, dass der Glaube nicht erst in besonderen Momenten stattfindet, sondern im normalen Tagesablauf seinen Platz findet.