von Korbinian Stegemeyer

Einen Platz zugewiesen bekommen – Corso Leopold 2018

Als wir uns am Mittag des 08.09.18 vom Seminar aus auf den kurzen Weg Richtung Leopolstraße machten, fanden wir dort auf dem Asphalt eine Markierung mit Straßenmalkreide vor. Ein Rechteck war abgemessen und mit der Aufschrift „Priesterseminar“ versehen worden. So hatten die Organisatoren unserem Stand einen Platz unter vielen anderen Ständen zugewiesen. Schon bald war klar, dass neben uns wieder ein Stand der Evangelischen Kirche um Eintritte werben würde. Im Laufe des Festivals wurden dann viele Tüten mit handgemachten Kartoffelchips an uns vorbeigetragen, die noch einen Stand weiter hergestellt und verkauft worden waren. Schräg gegenüber von uns machte eine Zigarillo-Marke höchst professionell Werbung und weckte auch das Interesse des ein oder anderen Seminaristen. Daneben wiederum versuchte eine Tierschutzorganisation mit unüberhörbaren Theaterstücken auf sich aufmerksam zu machen.

So machte uns der Festivalbetrieb deutlich, dass uns nicht nur örtlich, sondern auch im übertragenen Sinne ein Platz zugewiesen worden war, nämlich der Platz, den die Kirche in der modernen pluralen Gesellschaft hat: Als ein Anbieter unter vielen können wir um das Interesse der Besucher werben. Viele gehen einfach vorüber, einige mustern den Stand abschätzend aus der Ferne und kommentieren ihn gegenüber ihren Begleitern, manche treten heran und beginnen ein Gespräch. Für uns Seminaristen, die wir unser Leben auf den Glauben an Jesus Christus aufbauen wollen und von seiner Bedeutung für alle Menschen überzeugt sind, ist das im ersten Moment befremdlich: Wird unser Glaube durch Gleichgültigkeit und Ablehnung in Frage gestellt? Wie mit der Konfrontation mit abweichenden Meinungen, vielleicht sogar mit Feindseligkeit umgehen? Nach zwei Tagen auf dem Corso war aber auch klar: Man kann es an diesem Platz im bunten Konzert der Angebote und Meinungen gut aushalten, weil dort unverhoffte und schöne Begegnungen geschehen, die das bloß binnenkirchliche Leben nicht kennt. In gewisser Weise ist uns so ein Platz zugewiesen worden, der dem Evangelium gar nicht fremd ist: Das des kleinsten Samenkorns, das zum großen Baum heranwächst (vgl. Mk 4,30-31).