Berufung

Beim Wort „Berufung“ denken viele gleich an ein außergewöhnliches Erlebnis. Und solche Erlebnisse gibt es. Die heilige Schrift berichtet von mehreren solchen Erfahrungen. Jeremia wird von Gott direkt angesprochen: „Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“ (Jer 1,5) Oder man denke an das dramatische Erlebnis des Saulus auf seinem Weg nach Damaskus. So ähnliche Erfahrungen gibt es auch heute noch: Dass Menschen in einem Moment gewahr werden, wozu Gott sie ruft und was sie tun sollen in ihrem Leben.

Aber Berufung kann auch ganz anders geschehen. Gott kann auch ganz leise sprechen, wie er es beim Propheten Elija getan hat (vgl. 1 Kön 19,12) oder es braucht mehrere Anläufe wie beim Propheten Samuel (1 Sam 3). Es kann Zeit brauchen, bis ich meiner eigenen Berufung auf die Spur komme: meinen Lebensweg zu deuten, die Zeichen Gottes zu verstehen, mich selbst und die tiefe Sehnsucht meines Lebens zu ergründen, in der ich Gottes Stimme vernehmen kann.

In der heiligen Schrift sind mit der Berufung stets auch Ängste und Unsicherheiten verbunden. Mose kann nicht reden und Jeremia findet, er sei zu jung. Auch heute wird der Gedanke an das Priestertum viele Fragen aufwerfen: Kann ich das wirklich? Wie werden meine Familie, meine Freunde reagieren? Werde ich in der Kirche von morgen meinen Platz finden? Nicht auf alle Fragen gibt Gott gleich Antwort. Er ruft zum Vertrauen und zum ersten Schritt. Wer sich auf den Weg macht, den lässt er seine Führung erfahren.

Keine Berufungsgeschichte wie die andere. Jeder Berufungsweg so einzigartig, wie jeder Mensch einzigartig ist.

Egal, auf welchen Wegen Berufung geschieht: Es braucht Unterscheidung, um zu klären, ob tatsächlich ein authentischer Ruf Gottes vorliegt. Dafür ist die Zeit des Priesterseminars da. In der theologischen und geistlichen Ausbildung, im brüderlichen Miteinander und Hineinwachsen in die Diözese, im persönlichen Gebet und der geistlichen Begleitung kann sich Berufung klären, kann sie wachsen und reifen und schließlich durch die kirchliche Autorität bestätigt werden.

Das wichtigste Zeichen dafür, den richtigen Berufungsweg eingeschlagen zu haben, wird immer die Freude sein. Denn sie wächst, je mehr wir die Wege gehen, die Gott für uns bereitet hat (vgl. Eph 2,10).

 

Hier zwei Berufungszeugnisse:

Stefan Schmitt – mein Weg ins Priesterseminar

Josef Rauffer – Über die Musik ins Priesterseminar